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Erinnerungen an das erste Hubertusheim und die alten Häuser und Bewohner des Kirchplatzes von 1934 – 1964

Von Margret Tombült, geb. Berges

 

Auszug aus der Chronik der Stadt Ochtrup:

„...Das alte Haus Ochtrup, Kirchplatz 3, wurde von Pfarrer Hubertus Winkelmann, dem Vorgänger des jetzigen Pfarrers Oechtering, vom Juden Heimann gekauft und in ein Jugendheim umgewandelt. Nach dem Vornamen dieses Pastors ist das Heim auch benannt...“

Das es sich bei dem Hubertusheim um ein jahrhundertealtes Gebäude handelte, zeigt die Tatsache, dass hier 1764 der Professor der Theologie Johann Theodor Katerkamp (+1834) geboren wurde (siehe auch Heimatblatt Heft 7) und 1848 Prof. Dr. August Gärtner (+1934). Sein Vater, „Dr. Jans“, wohnte nach seiner Eheschließung bei Jude Heimann im Dachgeschoss des Hauses Kirchplatz 3. Nach der Geburt seiner drei Kinder verzog Dr. Gärtner zur Bergstraße. An diese berühmten im Hubertusheim geborenen Ochtruper erinnern noch die Prof. Katerkamp-Straße und die Prof. Gärtner-Straße.

Meine Eltern, Caspar Berges und seine Ehefrau Elisabeth, geb. Tappe, bezogen das Hubertusheim bei ihrer Eheschließung im Mai 1934. Meine Mutter übernahm die Putzarbeiten, Schlüsseldienste, Beheizung und alles, was sich an Instandhaltungsarbeiten ergab. Heute würde man sagen „Hausmeistertätigkeiten“. Dafür zahlten meine Eltern für die Wohnung keine Miete. Mein Vater war als Arbeiter bei der Firma Gebr. Laurenz tätig.

Am 25.07.1935 wurde ich, Margaretha Maria Berges, im Hubertusheim, Kirchplatz 3, geboren.

Der in Ochtrup praktizierende Arzt Dr. Große Venhaus war Geburtshelfer, und als es sich herausstellte, dass es sich um keine leichte Geburt handeln würde, haben – nach den Erzählungen meiner Mutter – alle Nachbarn in der Lambertikirche vor der Immerwährenden Hilfe Kerzen angezündet und gebetet. Und siehe, es hat geholfen, ich kam auf die Welt, und Mutter überlebte.

Fünf Jahre später, am 20.08.1940, kam dann meine Schwester Maria Josefine ebenfalls im Hubertusheim zur Welt. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt befand sich mein Vater schon als Soldat im Krieg.

Ich werde nun das Hubertusheim beschreiben, wie ich es aus meiner Kindheit in Erinnerung habe.

Im Erdgeschoss befand sich, nach vorne gelegen, ein großer Saal. Er war zeitweise durch eine leichte Wand abgetrennt, so dass sich sozusagen direkt nach dem Eingang ein schmaler Flur ergab. Diese Wand wurde später auch mal wieder entfernt, damit man mehr Platz zum Tischtennisspielen hatte.

Nach hinten, zur Hofseite gelegen, waren zwei kleinere Räume, einer rechts, einer links, die durch einen schmalen Flur getrennt waren. Von diesem Flur ging dann auch die Tür zu unserer Wohnung im Obergeschoss ab und die Tür, die in den Keller führte. Durch diesen Flur gelangte man auch in den Hofraum.

Der Keller stand meistens 10 cm unter Wasser. Hier lagerten trotzdem die Kohlen für die Öfen der Zimmer und des Saales und ab und zu auch Brennholz zum Ofenanmachen. Da Pastor Oechtering aus Sparsamkeit Neubestellungen von Holz ziemlich in die Länge zog, besorgte uns meistens mein Opa Josef Tappe trockenes Kleinholz zum Anfeuern der Öfen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter auch unsere Holz–Frühstücksbrettchen zum Ofenanmachen gebraucht hat, da sie einfach sonst nichts hatte, um Feuer zu machen.

Das „Ofenanmachen“ hatte es sowieso in sich: Es war schon Arbeit, im Winter abends oft drei Öfen so rechtzeitig „an“ zu haben, dass nicht zuviel Heizmaterial verbraucht wurde, gleichzeitig aber die Räume warm waren. Neben den Öfen stand eine „Tröte“/ Schütte mit Kohlen gefüllt zum Nachheizen. Das Schlimme daran war, dass meistens gegen Ende des Versammlungsabends von den jeweiligen Teilnehmern die volle Kohlenschütte nochmals in den Ofen gekippt wurde und dann der Ofen – Mama sagte „in Gloriebuss“ – stand, und sie die halbe Nacht damit verbrachte, nasse Aufnehmer um die Ofenrohre zu wickeln, um die Hitze – die Rohre waren richtig rot – zu dämmen. Mutter hatte Angst, dass das Haus abbrennen könne.

Unsere Wohnung befand sich im 1. Stock. Sie bestand aus der Küche mit einem Nebenzimmer –nach hinten gelegen- und zwei Schlafzimmern –nach vorne zur Kirche gelegen. Das veranlasste Pastor Oechtering zu der Bemerkung, wenn ich ausnahmsweise nicht in der Schulmesse war: „Margarethe, wenn der Kirchturm umfallen würde, fiele er direkt auf dein Bett. So nah an der Kirche und dann nicht in die Schulmesse gehen. Schäme dich!“

Seitwärts zu dem Haus der Herz-Jesu-Schwestern befand sich ein kleiner Raum mit einem ganz kleinen Fenster. Wir nannten es „Karbüffken“ und hatten dort Eimer, Besen und Putzmaterial untergebracht. In dieses klitzekleine Zimmer wurde bei der Vertreibung eine alleinstehende Flüchtlingsfrau –Selma Heimann- eingewiesen. Es war unmöglich, dort zu wohnen. Sie hat dann das Zimmer, in dem meine Schwester und ich schliefen, bezogen. Wir kamen in das Schlafzimmer unserer Mutter. Unser Vater war nach dem Krieg vermisst. Er ist in russischer Gefangenschaft gestorben.

Frau Heimann hat nur kurze Zeit bei uns gewohnt. Sie wurde dann in einer anderen Familie untergebracht.

In unserer Etage gab es noch einen schmalen Boden, unseren „Balken“, dort sperrte uns Mama ein, wenn wir –wie hieß es früher so schön – „unartig“ waren. Hier bewunderten wir dann die Wände, die noch aus Lehmgeflecht bestanden.

Später verlegten wir die Schlafzimmer nach hinten und die Küche nach vorne zum Kirchplatz.

Im Flur war ein großes schräges Dachfenster, das nicht verdunkelt werden konnte, wie es im Krieg vorgeschrieben war, weil es sich direkt über der Treppe befand und man – oder zumindest unsere Mutter – es nicht erreichen konnte wegen der Treppenstufen. Daher machten wir bei Fliegeralarm im Flur kein Licht an.

Das Dachfenster war undicht und bei Regen „dröppelte" es auf unsere Treppe. Wir stellten dann Eimer darunter. Pastor Oechtering hatte auf Bitte meiner Mutter, es reparieren zu lassen, entgegnet, dass es in der Pastorat auch durchregne und er sich auch auf diese Weise behelfen müsse. –Und so war es auch tatsächlich!

In unserer Wohnung, oben im Flur, war ein Waschbecken. Unten im Erdgeschoss am Beginn der Treppe, die zu unserer Wohnung führte, befand sich ebenfalls ein Wasserhahn mit Becken, der von allen Besuchern des Hubertusheimes genutzt wurde. Auch die Soldaten der englischen Besatzung, die im Hubertusheim 1945 untergebracht waren, und später die aus Schlesien vertriebenen Flüchtlingsfamilien Elsner und Karge, die in den zwei Gruppenräumen wohnten, holten hier ihr Wasser bzw. wuschen sich dort.

Unter der Treppe zu unserer Wohnung lagerten Kartoffeln und Vorräte der zwei Vertriebenenfamilien. Wo hätten sie sonst lagern sollen? Im Keller stand Wasser.

Es war schon eng für die Vertriebenen. Je fünf Personen in einem Raum: die Mutter, ein aus dem Krieg heimgekehrter Vater und drei Kinder. Trotzdem war an dem Tisch der Familie Elsner noch Platz für uns Kinder zum „Mensch-ärgere-dich-nicht“– spielen.

Ein Badezimmer oder eine Toilette gab es weder in unserer Wohnung noch im Erdgeschoss des Hubertusheimes. Die zum Hubertusheim gehörenden Toiletten befanden sich in einem Anbau des Schwesternhauses (früher waren hier die Stallungen des Viehhändlers Bücker). Sie waren über den Hof des Hubertusheimes zu erreichen. Unsere Familie, alle Besucher, die englischen Soldaten zur Besatzungszeit, die im Erdgeschoss untergebrachten Vertriebenen, später alle Teilnehmer an Gruppenstunden, Frauenbund und Kolping, CAJ und Pfadfinder, der Spielmannszug „Nachtigallen“, der sich im Hubertusheim konstituierte und für seine Anfangsübungen zuerst die Holzschemel des Hubertusheimes mitbenutzte, Messdiener und Tischtennisspieler, Kirchen- und Caritasvorstand, sie alle benutzten diese Toiletten. –Es handelte sich hier einmal um eine Einzeltoilette ohne Waschbecken mit einem eigenen Eingang. Dies war eigentlich die Toilette, die zu unserer Wohnung gehörte. Direkt daneben, mit eigenem Eingang, war die Toilette für die Besucher des Hubertusheimes. Sie war etwas größer, hatte ein Waschbecken und ein Pissoir. Die Toiletten wurden zum Teil auch von Kirchenbesuchern benutzt, da diese damals noch durch den Hof (an Lessels Haus und Blumengeschäft Böhne vorbei) für alle zu erreichen waren. Einen Heizkörper gab es in beiden Toiletten nicht, deshalb waren sie im Winter oft zugefroren. Mit einem Kessel kochenden Wassers musste Mutter sie oft „enteisen".

 

Wie sah in diesen Vor- und Nachkriegsjahren die Nachbarschaft des Hubertusheimes aus?

 

Kirchplatz 1:

Dieses Haus machte damals einen herrschaftlichen vornehmen Eindruck. Es war weiß angestrichen und hatte eine Doppeltür zum Kirchplatz als Haupteingang. Die Wohnung hatte zwei durchgehende Wohnzimmer! Das war schon etwas Besonderes. (Wir hatten nur eine Küche). Hier wohnte Sparkassendirektor Heinz Lessel mit seiner Frau Irmgard geb. Branse. Sie hatte fünf Kinder, davon wurden drei – Gisela, Irmgard und Heinz-Bernhard, während des Krieges geboren und Eberhard und Werner kamen dann nach den Kriegsjahren zur Welt. Ihre Haushaltshilfe war während der Kriegsjahre Änne Fehlker aus Metelen.

 

Kirchplatz 2:

Es gehörte auch zum Haus Lessel. Hier war die Spar- und Darlehnskasse untergebracht. Direktor war damals Herr Naber. Es handelt sich um die Räume, die später an den Juwelier Post und die Moden-Muermans vermietet wurden.

Die Wohnung Lessel (Ecke Kirchplatz/ Bültstraße) lag mit dem Haupteingang zur Kirchplatzseite. Nach hinten war ein Hofeingang vorhanden.

Dieser Hofeingang ist durch den Neubau des Hauses Lessel (jetzt unten Pizza-Stube und früher Moden Muermans/ Ermke) verschwunden. Es stand hier früher die Blumenhandlung Böhne. Durch eine Gasse – etwa 4 m breit – konnte man von der Bültstraße aus den Hintereingang des Schwesternhauses Kirchplatz 4, das Hubertusheim, den Garten des Pastors und Stallungen und Anbauten sowie eine kleine Grünanlage, die zum Hause Lessel gehörte, erreichen.

Der Garten des Pastors war durch eine hohe Mauer und durch eine verschließbare Tür vom Hof des Hubertusheimes abgetrennt. Im Garten des Pastors war ein tiefer Brunnen mit Trinkwasser. Hier wurde auch mit einem Pferdewagen direkt nach Einzug der englischen Besatzung Wasser für das Pius- Hospital geholt. Meine Mutter erzählt, dass auch die ersten Engländer für ihre Küche, die in einem Anbau des Hauses Lessel untergebracht war, Wasser aus dem Brunnen holten und vorher Pastor Oechtering das Wasser trinken musste, damit sie testen konnten, ob das Wasser evtl. vergiftet sei.

 

Kirchplatz 3:

Das war das Hubertusheim.

 

Kirchplatz 4:

Dieses Haus ist noch vorhanden und äußerlich unverändert. Es steht unter Denkmalschutz. Eigentümer ist die Kirchengemeinde St. Lamberti. In diesem Haus wohnten in den Kriegsjahren und auch noch Jahre später drei Herz-Jesu-Schwestern, Schwester Richarda, Schwester Anakleta und Schwester Radegunde. Eine Schwester erledigte die Hausarbeit und zwei gingen in Familien, in denen die Mutter erkrankt war und führten dort den Haushalt. Man könnte es als Vorstufe der heutigen Familienpflege bezeichnen. Die Schwestern hatten ihre Wohnung im Erdgeschoss. Im ersten Stock wohnte eine Lehrerin, Frl. Silderhuis, die in der Weinerschule unterrichtete.

Die Kellerräume in diesem Haus dienten für die Bewohner des Kirchplatzes als Luftschutzräume.

Nach dem Krieg wurde die Station der Herz-Jesu-Schwestern vom Orden in Ochtrup aufgelöst und die Schwestern versetzt.

Im Erdgeschoss wohnten dann die Vertriebenenfamilie Hornig, im 1. Obergeschoss zwei neue weltliche Familienpflegerinnen, die von der Pfarre, später von der Caritas, angestellt waren und im 2. Obergeschoss zwei Kindergärtnerinnen. Als das alte Hubertusheim abgerissen wurde (1962),bezogen wir die Wohnung im Erdgeschoss und die Familie Hornig verzog zum Kniepenkamp. Dort hatte die Kirchengemeinde St. Lambertus ebenfalls ein Haus, in dem früher Kaplan Hoppe wohnte. Das Haus wurde abgerissen. Hier ist jetzt ein Parkplatz der Sparkasse.

 

Kirchplatz 5:

In diesem Hause wohnte die Familie Böing. Opa Böing war Arbeiter in der Firma Laurenz, Oma Böing führte den Haushalt. Sie hatten zwei Söhne, Bernhard und Josef, die sehr jung zum Militärdienst eingezogen wurden. Bernhard ist im Krieg gefallen. Böings hatten nach dem Krieg den ersten Fernseher auf dem Kirchplatz und das erste Badezimmer. Die ganze Nachbarschaft saß bei Fernsehübertragungen wie „Das Halstuch“ oder „So weit die Füße tragen“ dort im Wohnzimmer. Und wollten wir ihr Badezimmer benutzen, gestatteten sie auch das.

 

Kirchplatz 6:

Die/ das Pastorat, das Pfarrhaus!

Pfarrer war, als meine Eltern 1934 heirateten, Pastor Winkelmann . Als ich dann 1935 geboren wurde, war Pastor Oechtering Hausherr. Er wohnte dort mit einem Kaplan, in den Kriegsjahren Kaplan Reinhold.

Die Haushaltsführung oblag seiner Schwester, Fräulein Oechtering, „Tante Anna“ genannt. Sie wurde 100 Jahre alt. Außerdem wohnte hier noch eine Haushaltshilfe, zuletzt Fräulein Lenz.  „Unsere Katharina“ sagte Pastor Oechtering. Meine Mutter war mit Katharina Lenz zur Schule gegangen. Fräulein Rodhe war in den Kriegsjahren Pfarrhelferin, später war es dann Schwester Änne Fischer.

Nach dem Krieg wurden in der Pastorat in den oberen Räumen mehrere Flüchtlingsfamilien untergebracht. Aus Schneidemühl kam Kaplan Jansen, der später Bischof von Hildesheim wurde.

In den Kriegs- bzw. ersten Nachkriegsjahren wohnte Kaplan Reinhold in der Pastorat, Kaplan Hoppe auf dem Kniepenkamp, an der Laurenzstraße wohnte Kaplan Grüter, später Kaplan Kröger, an der Winkelstraße Vikar Laiking, später Vikar Autering, dann Vikar Jünemann.

Zur Kirchengemeinde gehörte auch das Pfarrheim am Ostwall – jetzt Clemens- August- Heim. Hier war vorübergehend auch die Pfarrbücherei untergebracht. Die Gruppenräume in diesem Haus dienten überwiegend der weiblichen Pfarrjugend und dem Kirchenchor für ihre Zusammenkünfte.

Die dazugehörige Wohnung wurde vom Küster/ Organisten bewohnt.

Und das alte Hubertusheim?

Es wurde 1962 abgebrochen. Mit dem Bau des neuen Hubertusheimes wurde Anfang 1963 unter Leitung des damaligen Vikars Jünemann begonnen. Architekt war Dipl. Ing. Bodem. Die Einweihung des Hubertusheimes –in den Erdgeschossräumen war jetzt die Pfarrbücherei untergebracht- fand am 8. November 1964 statt.

Meine Mutter übte ihre Hausmeistertätigkeit bis 1970 aus. Bei ihrer Verabschiedung durch die Kirchengemeinde und die Jugendlichen zusammen, bekam sie eine Anstecknadel aus Gold. Es war ihr einziges Schmuckstück. Mutter zog bei meiner Eheschließung 1970 mit in unseren Haushalt. Sie verstarb 1986. Nachfolger als Hausmeister des Hubertusheimes war das Ehepaar Josef und Maria Feldmann.

Nachfolger von Pastor Oechtering wurde Pastor Siemen. In seiner Amtszeit wurde die alte Pastorat abgebrochen und ein Neubau errichtet. Hier wohnt jetzt Pfarrer Josef Wichmann.

Auch das Haus Böing, Kirchplatz 5, wurde abgebrochen.

Der Kirchplatz hat ein neues Gesicht bekommen.

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